Quelle: NNP

Dr. Volker Graulich spricht über ein Pilotprojekt

Fragen über Fragen: Spieler und Vereine im Kreis Limburg-Weil-burg leiden weiter unter der fußballfreien Corona-Zeit. Wannkann es mit dem Trainings- und Spielbetrieb weitergehen? Verlieren die Spieler durch die lange Abstinenz die Bindung zu ihren Clubs? Was ist zu tun, wenn es tatsächlich zu mehreren Abmeldungen kommt? Schon vor Ausbruch der Pandemie war die Situation, insbesondere im Juniorenfußball, vielerorts prekär. Mit dieser Problematik hat sich auch Dr.Volker Graulich nicht nur als Jugendleiter der JSG Niedertiefenbach/Dehrn, sondern explizit in seiner Funktion als Projektleiter des sogenannten „Niedertiefenbacher Modells“ beschäftigt.

Doch was hat es mit dem Pilotprojektauf sich? Dr. Volker Graulich stand im Interview mit Redaktionsvolontär der NNP Yannick Wenig Rede und Antwort.

 

Das “NiedertiefenbacherModell“ findet in der aktuellen Saison der E- bisB-Junioren in den Spiel-klassen auf Kreisebene Anwendung. Wie kam es zu der Idee?

Die Idee gibt es schon länger.Nach der Vorstellung einer wis-senschaftlichen Untersuchung des Hessischen Fußballverbandesdurch Kreisfußballwart Jörn Metz-ler im April 2019, bei der es um das Schwinden von Mannschaften, insbesondere im Nachwuchsbereich, ging, habe ich diese Idee dann wieder aufgegriffen und verfeinert.

Worum ging es bei der Studie genau?

Insbesondere darum, dass denVereinen Kinder und Jugendlichein den Übergangsjahren, also wenn sie aus der einen Altersklasse in die nächste wechseln, verlo-ren gehen. Das deckte sich mitmeinen Erfahrungen, die ich seit 2003 als Jugendleiter gemacht habe. Es kam wiederholt vor, dass Kinder deshalb aufgehört haben,weil sie nur alle zwei Jahre mit ihren Kumpels und Schulkameraden gekickt und dadurch die Lust am Fußball verloren haben.

Wie kann das „Niedertiefenbacher Modell“ dem entgegenwirken?

Das Modell lässt in dieser Saisonim Kreis Limburg-Weilburg pilotweise zu, dass Mannschaften, die nach dem „NiedertiefenbacherModell“ gemeldet wurden, im Meisterschaftsspielbetrieb Spieler des jüngeren Jahrgangs der nächsthöheren Altersklasse einsetzen dürfen. Die Vorteile sind weitreichend. Zum Beispiel ist so sichergestellt, dass auch A-Junioren des jüngeren Jahrgangs be ider B-Jugend mitwirken können, wenn ein Verein keine A-Jugend-Mannschaft mehr stellen kann. So bleiben die Nachwuchsspieler weiter im Verein. Die Probleme im Juniorenbereich mit Spielausfällen und -verlegungen oder gar Mannschaftsabmeldungen werden dadurch minimiert. Das Modell sorgt also für mehr Stabilität im Spielsystem. Dem gegenübersteht die Gefahr, dass Teams, die nicht nach dem Niedertiefenbacher Modell gemeldet haben, einen vermeintlichen Wettbewerbsnachteil fürchten. Wägt man das Ganze objektiv ab, wird erkennbar, dass viele Vorteile dem einen Nachteil der vermeintlichen Wettbewerbsverzerrung gegenüberstehen.

Wie wird das Modell bisherangenommen? Wie vielTeams sind nach dem„Niedertiefenbacher Modell“gemeldet?

In der aktuellen Spielzeit 2020/2021 nutzen das Modell bereitsinsgesamt 25 Mannschaften aus dem Kreis. Das sind in etwa 20 Prozent aller infrage kommenderTeams.

Und wie ist die Resonanzseitens der Teams?

Ich habe häufig gehört, dass Vereine oder Jugendspielgemein-schaften ohne das Modell in einzelnen Altersklassen keine Mannschaft hätten stellen können. Aktuell läuft auch die erste Evaluationsphase, in der Trainer und Betreuer per Fragebogen Feedbackgeben. Die bisherigen Rückmeldungen sind auch weitestgehend positiv.

Das Pilotprojekt läuft zunächst bis zum Ende derSpielzeit 2020/2021. Wiegeht es perspektivisch mitder Idee des Modells weiter?

In der zweiten Evaluierungsphaseam Saisonende werden dann zusätzlich die Erfahrungen der Klas-senleiter miteinbezogen. Der HFV wartet auch gespannt auf das Ergebnis der Evaluation. Ich bin vorsichtig optimistisch und könnte mir durchaus vorstellen, dass das „Niedertiefenbacher Modell“ nach abschließender Prüfung der Ergebnisse aus dem Pilotprojektdurch die zuständigen Gremiendes HFV auch hessenweit zum Einsatz kommen könnte.